Im Laufe der Zeit gewinnen die unbewussten Haltungen eines Menschen einen autonomen Charakter innerhalb seiner Seele. Man kann hier auch von „Teilpersönlichkeiten“ sprechen (Pierre Janet). Diese werden im Rahmen der Methode Voice Dialogue externalisiert und es besteht die Möglichkeit eines dialogischen Miteinanders zwischen dem Begleiter und den existentiellen Haltungen des Klienten. Die Teilpersönlichkeiten tauchen aus dem Unbewussten auf, indem sie eine „Stimme“ und einen Platz erhalten. Im dialogischen Miteinander werden sie einem mehr und mehr bewusst und fangen allmählich an, sich zu verwandeln.

Anwendung:

Die  methodologischen Schritte der Externalisierung scheinen auf den ersten Blick denkbar einfach: Der Begleiter bittet den Klienten jenen Platz im Raum zu finden, wo sich seine „Innere Person“  befindet.  Manchmal findet der Klient  diesen Platz intuitiv selber, doch der Begleiter kann sich darauf nicht in allen Fällen verlassen. Tarnen und Täuschen heißt nämlich die Devise mancher mächtiger Inneren Stimme. Es bedarf also durchaus eines hoch entwickelten energetischen Empfindens seitens des Begleiters, um solch eine mächtige und an Sphäre des Unsichtbaren gewohnte Innere Stimme zu orten und anzusprechen.

Hier ist der Klient ganz auf das Geschick des Begleiters angewiesen, auf seine Fähigkeit zum dialogischen Miteinander. Dies ist allerdings keine rein verbale Angelegenheit. Ganz im Gegenteil. Das dialogische Miteinander erfolgt auf fünf Kommunikationskanälen: verbaler Kanal, energetischer Kanal, emotionaler Kanal, körperlicher Kanal und symbolisch der bildhafte Kanal. Die Gesamtheit dieser Wellenlängen macht die Wirkung aus, in der sich die  Innere Stimme/Person angesprochen fühlt oder nicht. Dies stellt einen hohen Anspruch an den Begleiter: Möchte er sich nach dem Motto der Ebenbürtigkeit auf das dialogische Miteinander mit den Inneren Stimmen des Klienten einlassen, muss er auf allen fünf Kommunikationskanälen durchlässig, wendig, flexibel und reaktionsfähig sein. Dies ist, abgesehen von der Arbeit mit seinen Inneren Anteilen, die zweite wichtige Voraussetzung.

So einfach die Methodologie auf den ersten Blick erscheint, so schwierig sind ihre Voraussetzungen: Ohne grundlegende Arbeit mit seinen eigenen Inneren Anteilen ist man als Begleiter kaum imstande, die Methode anzuwenden, da man ja selber die Methode ist bzw. werden muss. Erst dann entfaltet sich ihre unmittelbare Wirkung.

Nutzen:

Der Vorteil gegenüber den klassischen Coaching- und Therapieformen besteht vor allem in der Genauigkeit und Effektivität. Unbewusste Haltungen werden als Stimmen externalisiert, so entwickelt sich der unmittelbare Dialog. Wer demgegenüber nur mit dem (angeblich autonomen) „erwachsenen Bewusstsein“ des Klienten arbeitet, weiß eigentlich nicht, mit wem er es zu tun hat. Voice Dialogue besteht in seinem Wesen in der Externalisierung dieser Teilpersönlichkeit (bzw. ihrer inneren Stimme) und einem dialogischen Miteinander, für das ein Beziehungsrahmen geschaffen wird.

Theorie und Entstehungsgeschichte:

Die (generationsübergreifenden) existenziellen Grenzerfahrungen und ihnen entspringenden Prägungen führen bzw. verdichten sich zu unbewussten existentiellen Haltungen, welche die Beziehungsebene (seien es  private Beziehungen oder Arbeitsbeziehungen) genauso mitbestimmen wie die inhaltliche Ebene der Arbeitsprozesse und diesbezügliche Entscheidungen. Um mit C.G. Jung zu sprechen, handelt es sich um „Machtkomplexe“. Diese unbewusste Haltungen sind auf das Überleben ausgerichtet. So ist die Logik, nach der die Entscheidungen getroffen oder nicht getroffen werden, auch eine zweckmäßige Logik des Überlebens und keine unabhängige, sachgemäße Logik. In ihren Folgen werden diese unbewussten existentiellen Haltungen für einen geübten Beobachter dann aber sichtbar. Die Methode, die hier individuell ansetzt und daher zum Bewusstwerden jener unbewussten existentiellen Haltungen in direkter Arbeit mit dem Klienten geeignet ist, heißt Voice Dialogue. Entwickelt wurde sie von Hal und Sidra Stone in Amerika.