Der Planet Erde erteilt uns eine epochale Lektion über systemische Gesetze,
verschafft uns eine Auszeit und hofft, dass wir endlich „groß“ werden

– ein Essay von Alexander N. Riechers; hier auch als Audio verfügbar –

 

Auch wenn das Wort Krise sehr schnell und bisweilen inflationär verwendet wird – im Falle des Coronavirus ist es mehr als berechtigt. Denn die globale Pandemie leitet genau das ein, was eine „crisis“ im Ursprung bedeutet: einen entscheidenden Wendepunkt einer gefährlichen Konfliktentwicklung, dem eine massive Funktionsstörung vorausging. Glaubt man dem von Politikern und Experten weit verbreiteten Narrativ, dann ist der Feind schnell ausgemacht: Es heißt, wir führen Krieg gegen das Virus. Die Funktionsstörung, das sind die massiven individuellen, sozialen und wirtschaftlichen Beeinträchtigungen, die wir seit der Verbreitung des Erregers zu erleiden haben. Wenn wir den Krieg gewinnen, dann können wir endlich wieder in unser altes Leben zurück, ohne Abstand und Atemmasken an die Arbeitsstätten, in die Schulen, in die Sportvereine, ganz einfach in die Normalität.

Mit Kriegsmetaphern weit am Ziel vorbei

Dem feinsinnigen Denker wäre es an dieser Stelle kaum zu verübeln, durch die Verwendung von Kriegsmetaphern in Bezug auf einen Virus, ein wenig inne zu halten und nachdenklich zu werden. Denn das Sprachspiel „Krieg führen“ ist an einen semantischen Kontext gebunden. Gemeinhin führen Menschen gegen andere Menschen Krieg. Es ist die Zuspitzung eines zwischenmenschlichen Konflikts, der unter gezielter Anwendung von Waffengewalt ausgetragen wird. Dass die drastischen Eindämmungsmaßnahmen und die sich daraus ergebenden Folgen ihres Ausmaßes wegen kriegsähnlichen Charakter haben, mag noch stimmig erscheinen. Ein nicht selbständig lebensfähiges Virus jedoch zu einem gezielt und planvoll agierenden Kriegstreiber zu deklarieren, wirkt spätestens bei genauerer Betrachtung abenteuerlich bis grotesk. Dennoch verrät jede Rhetorik etwas über die Motive des Sprechers: Man fühlt sich angegriffen, und zwar massiv. Wir, die Menschen, wurden empfindlich getroffen, unsere Welt funktioniert nicht mehr. Und noch schlimmer: Es gibt niemanden, dem wir unsere Empörung darüber entgegenschleudern können. Es gibt keinen Gegner, aber einen zu haben wäre schön. Die Mär vom kriegerischen Virus, sie dient allein unserer Beruhigung über etwas viel Beunruhigenderes: Corona ist kein zu besiegender Feind. Corona ist das Symptom eines erkrankten Systems!

Anthropozentrismus als systemische Funktionsstörung

Was, wie so häufig in verfahrenen Situationen, hilfreich sein kann, ist ein Wechsel der Perspektive. Denn aus einem systemischen Blickwinkel befinden wir uns ebenfalls an einem entscheidenden Wendepunkt. Nur mit dem Unterschied, dass diesmal wir die vorausgegangene massive Funktionsstörung sind. Mit unserer Art zu leben, zu wirtschaften, ja eben mit unserer Normalität, wollten wir, das Mikrosystem „Mensch“, das Makrosystem „Planet Erde“ in unsere Gewalt bringen. Egal ob vorsätzlich oder fahrlässig, wir überschritten damit eine Systemgrenze und bekommen nun die unpersönlichen Erhaltungsmechanismen einer übergeordneten Einheit zu spüren.

Für die aktuelle Krise braucht es keinen Schöpfergott noch eine Verschwörungstheorie, sondern einfache systemische Gesetze. Ist der Ausgleich von Geben und Nehmen verletzt, kommt es in jeder Beziehung irgendwann zum Konflikt. Und will das kleinere System das größere System beherrschen, gibt es über kurz oder lang einen massiven Gegenschlag, der eben jene Größenverhältnisse unmissverständlich in Erinnerung ruft. Es scheint der Auftrag der Erde zu sein, Leben zu erschaffen und zu entwickeln. Kein anderer uns bekannter Planet beherbergt so viel Leben und bietet derart lebensfreundliche Bedingungen. Auch wir profitieren mit unserer eigenen Existenz davon. Wenn wir jedoch durch unser Gebaren diesen einzigartigen Auftrag verhindern, müssen wir mit korrigierenden Maßnahmen rechnen.

Aus der Perspektive des Ökosystems des Planeten Erde sind wir zur Plage geworden. Eine sich rasend schnell vermehrende Spezies mit unstillbaren Konsumhunger auf Kosten der natürlichen Ressourcen. Unser Raubbau an der Natur griff zuletzt zu stark die regenerativen Kräfte des Planeten an – und damit stellten wir uns eindeutig gegen das Leben selbst; nicht gegen unser eigenes, sondern gegen das Leben als Leben bewirkendes Prinzip. Die Funktionsstörung in dieser Krise ist ein mentaler Defekt der Spezies Mensch, sein Anthropozentrismus. Er glaubt ernsthaft, die Krone der Schöpfung zu sein und handelt mit dem Selbstverständnis eines Weltenherrschers. Die Verantwortung, die aus seiner Kraft erwächst, ist ihm fremd, denn seine Regentschaft dient in erster Linie nur ihm selbst. Sein Eifer macht ihn blind – unvermögend, sich in eine höhere, seinem eigenen Leben dienende, Ordnung friedlich einzugliedern. Bildlich gesprochen sitzen wir damit auf dem Ast, den wir uns gerade selbst absägen. Jeden, der sich so verhielte, würden wir ernsthaft in Frage stellen und uns eine Gesundung für ihn erhoffen. Doch die Kur – für uns hat sie bereits begonnen: eine systemische Autokorrektur, um die ursprünglichen Machtverhältnisse wiederherzustellen und dem Leben nicht weiter im Wege zu stehen.

Corona als Heilungsimpuls – gegen uns, für uns

Aus der Perspektive des Ökosystems Planet Erde sind wir erkrankt und außer Kontrolle geraten. Wir zeigen pathogenes Verhalten, da wir uns am Ende ständig selbst verletzen. Unsere autoaggressive Dynamik hatte zuletzt eine derart hohe Geschwindigkeit angenommen, dass nur eines übrig blieb: den sich im Größenwahn um sich schlagenden Patienten fixieren, isolieren und zur Ruhe kommen lassen. Genau das passiert jetzt und Corona ist das Werkzeug dazu – ein Heilungsimpuls des Planeten Erde. Wem das alles zu spekulativ ist, der darf die Wirklichkeit an ihrer Wirkung selbst ablesen. Denn Wirklichkeit ist bekanntlich das, was wirkt. Und in diesem Sinne wirkt Corona mit einer fast unheimlichen Präzision: sein Ausbruch ist massiv, es wirkt global, es befällt nur den Störer und es ist nicht auf Vernichtung, sondern auf Rückzug, Verlangsamung und Mäßigung angelegt.

Ein Virus leitet eine epochale Vollbremsung ein und stellt die übergeordnete Wertehierarchie wieder her: Alles hat dem Leben zu dienen! Das den Raubbau antreibende ökonomische System der Gewinnmaximierung wird stillgelegt, Flieger bleiben am Boden, Massentouristen zu Hause – jeder wird gezwungen, seinen Beitrag zu leisten. Individualismus ist nicht mehr gefragt, Solidarität geht vor. Dem Menschen wird präsentiert, was nach nur wenigen Wochen bereits möglich ist: saubere Luft, klares Wasser, internationale Kooperation. Auch das hinterlässt seine Wirkung. Wenn wir also wirklich Krieg gegen das Virus führen wollten, würden wir es mit dem Planeten selber aufnehmen. Wir würden gegen einen Gegner antreten, der Klassen über uns kämpft, mehr sieht und mehr weiß, einfach weil er uns hervorgebracht hat. Er kennt unsere Schwächen und kann uns mit einem Haken auf die Bretter legen. Und schauen wir uns an, was mit uns in den letzten Wochen passiert ist: Das System ging in die Knie. Wir taumeln und hoffen auf den nächsten Gong.

All das soll uns verdeutlichen: Es geht nicht darum, das Virus zu besiegen, sondern darum, als globale Gesellschaft wieder zu gesunden. Kriegsmetaphern untermalen nur die aggressiv-expansionistische Grundhaltung des Anthropozentrismus und bestätigen, dass wir uns im Kern verändern müssen.

Nachhaltigkeit durch Wandlung im Geiste

Die Ordnung ist also vorerst wiederhergestellt – wir schützen und retten Leben, wo wir nur können. Zeit für Phase zwei: die nachhaltige Wandlung im Geiste. Es ist der befreiende Prozess der Läuterung und er beginnt erst gerade. Und damit wir auch genügend Zeit dafür haben, wird das Virus sicherlich nicht so schnell von uns gehen. Für die Überwindung des Anthropozentrismus verlagert sich die Kur vom Makrosystem Planet Erde in das Mikrosystem der menschlichen Seele. Denn hier liegt wohl des Pudels Kern verborgen, und die Anspielung auf den tragischen Doctorus und sein Alter Ego, sie ist höchst beabsichtigt. Es geht in Phase zwei nämlich nicht um die ökologischen Folgen des menschlichen Defekts, sondern um seine geistigen Grundlagen, die sich ganz offensichtlich im faustischen Spannungsfeld zwischen Genialität und Wahnsinn bewegen. Ein altes Spiel, dass jetzt in eine entscheidende weitere Runde zu gehen scheint. Doch wie konnte es überhaupt so weit kommen? Woraus speist sich jener Geist, der wider seine Intelligenz ein so erschreckendes Maß an Rücksichts- und Verantwortungslosigkeit lebt?

Das nicht überwundene Trauma des Feudalismus

Die These lautet: Unser Verhängnis ist die Kleinheit des kleinen Mannes. Es ist nicht der kleine Mann selbst, sondern sein immerwährendes Grundgefühl, nicht zu genügen. Sein ständiger Drang, mehr und besser, eben größer sein zu müssen. Der kleine Mann, das ist ein Teil von uns allen. Was er nie überwunden hat, ist die Schmach des Frondienstes, des Ablasses und der erniedrigenden Leibeigenschaft. Ein großer Mann sagte einst über ihn: „Du [kleiner Mann] bist der Erbe einer furchtbaren Vergangenheit.“ (Wilhelm Reich, Rede an den Kleinen Mann)

Vor allem in Europa, aber auch an anderen Orten der Welt, hat er diese erfahren. Sein hartes Leben wurde ihm von seinen Herren und Priestern als gottgegebener Naturzustand verkauft. Indem er anstandslos diente, zeigt er sich fromm und gottgefällig. Seine Welt bestand aus Hunger, Beschwerlichkeit, vielen Unfällen, sozialer Ungleichheit und Willkür. Für ihn war das Leben nur selten ein Geschenk, sondern allzu häufig eine Bürde – ein jahrhundertelang andauerndes Trauma, das, wie jede seelische Wunde, nach einer gewissen Zeit eine Überlebensstruktur hervorbringt. Eine, die ihn vor zukünftigen Schmerz bewahren, ihn stark und unangreifbar machen soll.

Der sogenannte „natürliche Zustand“ musste also überwunden werden. Gesucht wurde ein dritter Weg, vorbei an den Burgen und den Kanzeln. Ein quasi neutrales Feld, das keine Gegenwehr provozierte. Und es fand sich: die Industrialisierung. Wie von einem prometheischen Geist angetrieben, präsentierte sie sich als ein echter Macher, ein Umformer der Materie, der Natur und Menschen nach seinem eigenen Bilde schuf. Eine Veredelung des Humanum, das zuvor allzu häufig den aristokratischen Mächten schutzlos ausgeliefert war. Nun endlich empfing es seinen Schutz- und Trutzgeist, der den weltweiten Siegeszug des Bürgertums einläutete und schlussendlich einer großen Masse Zugang zu Bildung und Wohlstand ermöglichte. Der industrielle Fortschrittsgeist präsentierte sich als Deus ex machina und ist seitdem die zentrale Gestalt auf der Weltbühne. Er wurde zur kollektiven Überlebensstruktur der viel zu lange gepeinigten Massen und führt bis heute mit eiserner Hand ihren inneren Plan: Nie mehr zurück! Nie mehr ins Elend!

Die Honigfalle des Materialismus

Der Produktionsprozess wurde zum neuen Leitmotiv für eine moderne Gesellschaft; ein neuer Taktgeber, dem sich alle, auch die Aristokraten und der Klerus, ihrer reichhaltigen Abwürfe wegen am Ende unterwarfen; eine scheinbar unparteiische Größe, die jedoch nur als Mittel zum Zweck im Kulturkampf diente. So löste die Stechuhr das Zepter und die Kanzel ab – der neue Herrscher war geboren. Ein Herrscher, der sich die Natur nun mit aller Macht untertan machte, um selbst an Größe zu gewinnen. Wir, die kleinen Männer und Frauen, haben dem Fortschrittsgeist also viel zu verdanken, zahlen jetzt aber den Preis für seinen unstillbaren Appetit. Denn die Kulissen haben sich verschoben. Der Geist, der uns groß gemacht hat, ist uns nun über den Kopf gewachsen. So ist das nämlich leider mit den Geistern – es sind geistige Felder, die früher oder später zu einer eigenen Gestalt heranreifen. Die Menschen nennen es das System. Doch das System sind wir, die wir zu Dienern des Geistes geworden sind. Ähnlich wie das Bild des hobbesschen Leviathans, dem jeder Einzelne seine Macht übertragen hatte, um sie dann von dem so mächtig gewordenen Wesen nie mehr zurückzuerhalten.

Aus der Perspektive des Materialismus sind wir schnurstracks in die Falle getappt: Das Immaterielle wurde entwertet, das Materielle auf den Thron gehoben. Technologie und Wissenschaft wurden unser neuer Glaube, einer, der lebensfähige Ergebnisse brachte. Die heiligen Hallen der Universitäten und Labore sind seitdem die Sakristeien moderner Gesellschaften, die fortan einen Gegengott verehrten: die heilige Empirie. Zu gut waren ihre Ergebnisse, zu süß ihre zivilisatorischen Errungenschaften. Diese Eminenz war mächtiger und passte bestens zu uns: kein Gnadenakt, sondern Machbarkeit. Fortschritt war nun berechenbar. Der kleine Mann, endlich jenseits von Gottes Gnaden, hatte nur ein Detail übersehen: seine Seele.

Denn man kann nicht Gott opfern, ohne seine Seele zu verlieren. Was dann nämlich fehlt, ist ihre Grundlage: geistige Tiefe und transzendente Höhe. Gott, nicht als konfessionelles, sondern numinoses Prinzip, ist das lebende Symbol genau hierfür – nicht beweisbar, nur erlebbar. Doch im Rausch der Neuzeit haben wir die archaischen Sinnbilder geopfert, ohne Pauken und Trompeten, ganz klammheimlich. Die Seele, dieses altertümliche Wesen, hatte ausgedient. Sie wurde ins Private verbannt, ins Exil der eigenen vier Wände. Von dort aus konnte sie dem neuen Zeitgeist mit ihren Gefühlsduseleien, ihrem Ruf nach Maß und Demut nicht mehr in die Quere kommen. Der Maschinengeist hatte gesiegt und wurde zur öffentlichen Doktrin. Und wer sich nicht an den neuen Kurs hielt, wurde schnell denunziert, als abergläubisch, oder, bei Renitenz, gar pathologisch. Für den Materialismus war dies der entscheidende Sieg: Die Geister sind tot, lange lebe der Zeitgeist! Gemeinsam mit seinem Trauma war er ab sofort unsichtbar und hatte freie Bahn, den Takt unbeobachtet zu erhöhen.

Die industrielle Revolution frisst ihre Kinder

Spätestens ab dann war der Zug zu schnell, um unbeschadet abzuspringen. Die Geister der Gewinnmaximierung und des ständigen Wachstums hatten eine Eigendynamik entfesselt, die wir nicht mehr verlangsamen konnten. Ihr Motor war das unbewusste „Weg von“, weg von den prekären Zuständen, weg von der Unterdrückung. Ihre Strategie: das, was ihnen zur Macht verhalf – wachsen, schneller wachsen, mehr rausholen, alles rausholen. Wer „erfolgreich“ sein wollte, musste ihren Ring küssen und wurde in das kräftezehrende System eingereiht. Das, was ursprünglich als Rettungsmission für den kleinen Mann begann, wurde zu einer wahnwitzigen Rallye mit hohem Crashpotenzial. Viele gerieten schon unter die Räder, doch Kollateralschäden werden billigend in Kauf genommen. Denn wie gesagt: Nie mehr zurück! Nie mehr ins Elend! Den alten Schmerz vermeiden, um jeden Preis!

Das, was zurückblieb, war kein Geheilter, sondern ein Getriebener. Einer, mit einem Stachel im Fleisch, denn: „Der kleine Mann weiß nicht, dass er klein ist, und er fürchtet, es zu wissen.“ (W. Reich) Seine Furcht ist sein Antrieb. Anstelle frei zu werden, versklavte er sich freiwillig an seinen selbst geschaffenen Heilsbringer, einer, der ihn seitdem mit den Drogen des Konsums bei Laune hält. Derart verblendet, ließ er sich mit rationalen Mitteln nicht mehr stoppen. Denn Maß und Verzicht bedeuten für ihn den verhassten Naturzustand. Die großen Öko-Ikonen unserer Zeit, egal wie gut, richtig oder charismatisch sie waren – gegen den verängstigten Mann hatten sie nie eine Chance. Bis jetzt.

Systemkollaps als Heilungsfenster für den Menschen

Denn neben dem „weg von“ gibt es auch noch ein „hin zu“. Es ist das große und unerwartete Comeback der Seele, mit einem Vorgehen, das aus der Warte des Bewusstseins befremdlich scheint: Den Schmerz wieder sichtbar machen, um die Heilung einzuleiten. Dieser Heilungsimpuls der Seele – am Ende wirkt er wie ein unter Wasser gehaltener Ball: Eines Tages kommt jeder Schmerz wieder an die Oberfläche. Das Trauma des kleinen Mannes hat in seiner Seele schließlich einen Riss hinterlassen. Und sollte nun aus irgendeinem Grund seine Überlebensstruktur nicht in der Lage sein, ihren Schutzschirm aufzuspannen, bricht alles wieder auf: die Unsicherheit, das Gefühl der Ohnmacht, das Ausgeliefertsein, die Panik, alles zu verlieren. Das Bewusstsein wird überflutet und gerät in Widerstand, will sogar Krieg führen. Es versucht alles schnell wieder in die alte Ordnung zu bringen: Hilfspakete, Rettungsschirme, Konjunkturprogramme – bloß schnell wieder zurück zur „Normalität“.

Seelisch entsteht jedoch eine Chance, ein Heilungsfenster. Denn jetzt liegt der Schmerz, der dem selbstzerstörerischen Geist zugrunde liegt, auf der Oberfläche und kann verwandelt werden. Das sonst so gut hinter der eisernen Maske verborgene wird kurzfristig sichtbar. Und genau hier schließt sich nun der Kreis: Corona hat unsere Überlebensstruktur außer Gefecht gesetzt. Der Systemkollaps hat das Heilungsfenster aufgestoßen. Die Erde kann sich erholen und wir können wieder gesunden – wenn wir das wollen.

Mutig sein und endlich groß werden

Historisch bietet sich für uns eine Chance, die die Menschheit so wohl noch nie erhalten hat. Wir können aus dem ökonomischen Wahnsinn aussteigen, ohne auch nur eine der modernen Errungenschaften zu verlieren. Niemand muss sein Gesicht verlieren, keiner muss der Erste sein. Jetzt können alle gleichzeitig einen Neustart wagen. Das einzige, was wir dafür opfern müssen, ist die Kleinheit des kleinen Mannes – das wahrscheinlich gefährlichste Virus, was je auf Erden existierte.

Die nächsten Wochen und Monate werden hart, solange steht das Heilungsfenster offen. Wir brauchen nichts zu tun, die Seele wird sich bei uns melden. In der Quarantäne, in der Kurzarbeit, in der drohenden Arbeitslosigkeit, in der Trauer, in der Einsamkeit. Am Ende ist es einfach: „Durch die Symptome fordert die Seele Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit bedeutet Zuwendung, bedeutet Fürsorge, eine bestimmte pflegende Sorge, ebenso wie Abwarten, Zeit haben, Zuhören. Es bedarf einer Spanne Zeit und einer Anspannung der Geduld“ (James Hillman, Suche nach Innen).

Die Seele verlangt nichts Unmögliches, sie ist milde und bietet uns einen einmaligen Tausch an: Kleinheit und Mangel gegen Größe und Fülle. Größe, die mit Verantwortung Hand in Hand gehen kann. Fülle, die sich aus dem Geschenk des Lebens speist.

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