„Im ständigen Wandel und unendlichen Möglichkeiten kann man sich leicht selbst verlieren. Höchste Zeit also, um wieder mehr auf unsere gesunden Instinkte zu vertrauen.” 

Eine Fürsprache von
Alexander Nchuchuma Riechers

Das Überborden an Komplexität in einer global-digitalen Welt fordert und provoziert die Ebenen im Menschen heraus, auf die er sich schon immer verlassen konnte oder musste – seine gesunden Instinkte. Denn obgleich wir nicht mehr im Naturzustand leben, gleicht das Maß an Unsicherheit wohl jenem, das zu Urzeiten geherrscht haben mag. Damals war die Welt geheimnisvoll, rauh und beschwerlich – heute ist sie beinahe entzaubert, dafür jedoch fragmentiert und überflutend. Die Gemeinsamkeit beider Zeiten ist: es ist unübersichtlich und damit unberechenbar.

Stabile Bezugspunkte lösen sich auf, Veränderung ist Dauerzustand

Selbst der moderne Mensch kommt daher mit Logik und Erfahrung in diesem Umfeld schnell an seine Grenzen, da ihm verlässliche und stabile Bezugspunkte fehlen. Alles ist im Wandel, auch die Annahmen, auf denen wir die Welt erfahren und für uns interpretieren. Vieles, was vor 10 oder 20 Jahren noch galt, ist heute überholt oder gilt schlicht nicht mehr. Und selbst der für lange Zeit vermutete common sense, scheint mehr und mehr einem individualistisch geprägten Pluralismus zu weichen. Die normative Kraft des Faktischen hat auch hier bereits ihre Spuren hinterlassen – alternative Fakten sind möglich und können alles und jeden radikal in Frage stellen – selbst ehemals richtungsweisende Institutionen. Auch das ist ein bemerkenswerter Wandel: jeder kann alles denken. Früher waren die Gedanken frei, jetzt sind sie sogar beliebig. Beliebigkeit, die mit ihren prächtigen Stilblüten den Dschungel des Alltags noch einmal mehr undurchschaubar macht.

Wenn das Außen wankt, muss das Innen halten

In diesem unsteten Umfeld liegt es in der Natur der Sache, dass jeder nach Orientierung sucht. Und da er sie von außen kaum noch bekommt, wird das Innere mehr und mehr gefordert. Wir werden dahin gedrängt, wieder mehr auf uns selbst zu hören. Doch wie macht man das? Was sind hier die Kriterien für richtig und falsch? Helfen mir dabei meine Instinkte und kann ich ihnen vertrauen? Denn der Instinkt kam in der Moderne in Verruf. Primitiv, archaisch, ein Rückschlag in der kulturellen Entwicklung. Dem Tierischen zu nah und damit dem Geistigen zu fern.

Selbstvertrauen – das innere Wissen als Schlüsselqualifikation für den Wandel

Wahrscheinlich auch deswegen steht weder in Schulen, Ausbildungsstätten oder Universitäten Selbstvertrauen als „Schlüsselqualifikation“ auf dem Lehrplan: Lernen, wie man auf sich selbst hört, das ist Privatsache, auch wenn es der entscheidende Kompass im Leben selbst sein kann. Eine Ambition hätte es für die modernen Bildungsträger in einer antiken Vorlage jedoch durchaus gegeben – der ewig aktuelle Appell des delphischen Orakels: Erkenne dich selbst!

Denn Selbst-Vertrauen beginnt beim Selbst, also im Innersten und richtet sich damit auf ein Wissen um die ganz eigenen Qualitäten als auch Bedürfnisse: Was kann ich, was brauche ich? Und ebenso: Was kann ich gerade nicht und brauche ich jetzt gerade auch nicht? Fragen, die nicht auf „richtig“, sondern auf „wichtig“ abzielen und auf deren Antworten der eigene Wille aufbaut; zu gestalten und ebenso auch, sich abzugrenzen. Beides geht Hand in Hand und ist notwendig, um nicht im Strudel der unzähligen Möglichkeiten sozialer, politischer oder ökonomischer Lebensentwürfe unterzugehen. Mann und Frau müssen heute mehr denn je wissen, wer sie sind, um sich in der Welt nicht zu verlieren. Das Erschließen und Schöpfen dieses inneren Wissens ist allerdings von jeher eine Herausforderung für den Menschen und auch mit Hochtechnologie nicht einfacher geworden: denn vieles davon ist dem Denken und Verstand nicht unmittelbar zugänglich – ein Großteil unseres Wesens ist uns selbst unbewusst.

Wir trainieren den Geist, aber nicht das differenzierte Fühlen

Um so bemerkenswerter ist es, dass wir auch über hundert Jahre nach seiner Entdeckung, gesellschaftlich immer noch am Anfang im Umgang mit dem Unbewussten stehen: Obwohl wir bereits wissen, dass unser Bewusstsein umfassend durch viele unbewusste Ebenen gelenkt wird, tun wir nach wie vor so, als ob unser rationaler Wille das Maß aller Dinge sei. Wir setzen auf sicheres Wissen und belächeln gerne die Intuition. Wir befragen gerne Experten, aber viel zu selten unsere Ahnen. Wir trainieren den Geist, aber nicht das differenzierte Fühlen.

Übung: 1 Minute nach innen hören

Diese kurze Übung eignet sich gut für den Alltag und hilft, deine Instinkte zu aktivieren. Stell dich dazu aufrecht hin, die Füße hüftbreit nebeneinander. Die Knie sind leicht gebeugt und deine Schultern und Arme hängen locker nach unten. Massiere dir jetzt mit deiner Hand je Seite für 10 Sekunden den Muskel zwischen Schulter und Hals. Atme danach fünfmal tief durch die Nase ein und langsam über den Mund aus. Am Ende der Übung stampfe mit dem linken und dann mit dem rechten Fuß fest auf den Boden, dreimal im Wechsel. Höre während und nach der Übung darauf, welche Impulse, Bilder oder Gefühle von Innen kommen. Du wirst wissen, was sie dir sagen wollen.

Instinkte – die weisen Botschafter des Unbewussten

Die Welt des rapiden Wandels birgt aus Mangel an Orientierung eine neue Chance, nämlich das Verhältnis zwischen Bewusstem und Unbewusstem endlich hin zu einer Partnerschaft auf Augenhöhe zu verändern. Und diese basiert wie jede gute Beziehung auf Vertrauen. Selbst-Vertrauen wird hier ganz konkret zur Untersuchung des eigenen Unbewussten, das die Erfahrungen vieler Generationen in sich trägt und damit eine zeitlose Quelle auf viele Antworten des Lebens bereithält. Die Instinkte sind die Botschafter dieses umfassenden inneren Archivs – vitale Reflexe, Emotionen und Bauchstimmen, die Informationen aus der Tiefe befördern. Der eigenen Tiefe, die nichts weniger als die eigene Seele repräsentiert.

Und wenn wir unseren Instinkten nicht vertrauen können, dann ist das auch eine wichtige Botschaft – denn der Instinkt ist da getrübt und nicht mehr gesund, wo die Seele verletzt ist. Die Wunde macht argwöhnisch und hart, sodass die reale Welt nicht mehr ganz an uns herankommen kann. Gestählt oder in Watte gepackt, zu hart oder zu weich, der Instinkt verliert dann seine Kraft, weil er mit dem Fühlen nicht mehr frei verbunden ist. Dieses Nicht-Fühlen hat Konsequenzen und zeigt sich in seelischen Zuständen, die über kurz oder lang zu Charaktereigenschaften werden: nicht mehr bodenständig, sondern abgehoben, realitätsfern, wankelmütig, mutlos oder oberflächlich – der Kontakt zum Selbst ist da blockiert, wo ein seelischer Schock die innere Verbindung hat abreißen lassen. Auch das gehört zum Leben und wirkt im Unbewussten weiter – so lange, bis wir uns dem stellen und die Verbindung wieder in Fluss bringen.

Die Dinge liegen vor uns – wir müssen sie nur sehen

Auf unsere Instinkte zu hören, lohnt sich also zweifach: wir erkennen uns selbst und werden es auch. Wir erfahren, was wir hier und jetzt ganz persönlich brauchen – geistig, körperlich und seelisch. Wir wissen um uns selbst und bleiben damit unabhängig. Den eigenen Instinkten zu vertrauen ist daher nichts Wackliges oder Spekulatives – es ist die Grundlage unserer Individualität, eine intuitive Weisheit, die Herz und Verstand auf dem eigenen Lebensweg verbindet. Ein altbekannter Wegweiser der Bibel könnte uns zusätzlich dabei hilfreich sein: „Wer Augen hat zu sehen, der sehe, wer Ohren hat zu hören, der höre.“ Die Dinge liegen vor uns. Und wenn wir auf unser eigenes Empfinden vertrauen, dann wird selbst im größten Wandel das Ziel immer klarer.


Über den Autor:

Alexander Nchuchuma Riechers ist Philosoph, Coach und Autor in München. Neben der Begleitung von Führungskräften und Teams in Konzernen und Mittelstand schreibt er regelmäßig Artikel in seinem Blog “Leuchtfeuer: Einsichten und Weitsichten für mehr vitale Kraft”. Gesellschaftliche Themen werden im Wechselspiel mit der Seele und dem Unbewussten betrachtet.

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